Livius XXI

Hannibal

1. Es geht auch die Kunde, der etwa neunjährige Hannibal habe seinen Vater kindlich schmeichelnd gebeten, er solle ihn nach Spanien mitnehmen, als der nach Beendigung des afrikanischen Krieges sein Heer dorthin hinüberführen wollte und deshalb opferte, und er habe zum Altar treten und sich durch einen Schwur verpflichten müssen, er werde, sobald er könne, dem römischen Volk als Feind gegenübertreten. Den ungeheuer stolzen Mann quälte der Verlust Siziliens und Sardiniens; denn Sizilien habe man in allzu schneller Verzweiflung an der Lage aufgegeben, und Sardinien sei während der afrikanischen Wirren durch römischen Betrug entrissen worden, wobei man ihnen sogar noch eine Kriegssteuer auferlegt habe.

2. Diese kummervollen Gedanken ließen ihm keine Ruhe, und er benahm sich deshalb in den fünf Jahren während des afrikanischen Krieges, der gleich nach dem Friedensschluß mit den Römern stattfand, und in den neun Jahren danach bei der Erweiterung der punischen Herrschaft in Spanien so, daß man deutlich sehen konnte, er ginge mit dem Gedanken an einen größeren Krieg um, als der es war, den er führte; und die Punier würden, wenn er länger gelebt hätte, den Angriff auf Italien, den sie unter Hannibals Führung unternahmen, schon unter Hamilkar gemacht haben.

3. Es herrschte gar kein Zweifel darüber, wer an Hasdrubals Stelle treten würde. Der Vorwahl der Soldaten, bei der sofort der junge Hannibal in das Feldherrenzelt getragen und unter gewaltigem Geschrei und Beifall aller zum Feldherren ausgerufen worden war, folgte auch die Gunst des Volkes. Ihn hatte, als er kaum erwachsen war, Hasdrubal durch einen Brief zu sich gerufen, und die Sache war sogar im Senat verhandelt worden.

Hannibal wurde nach Spanien geschickt und zog sogleich unmittelbar bei seiner An kunft die Aufmerksamkeit des ganzen Heeres auf sich. die alten Soldaten glaubten , Hamilkar sei ihnen verjüngt wiedergegeben. Sie nahmen bei ihm dieselbe Le bhaftigkeit im Minenspiel, dieselbe Kraft in den Augen, dieselbe Gesichtsbildung , dieselben Züge wahr. Bald aber erreichte er, daß bei ihm sein Vater der geringste Anlaß für die Beliebtheit war, die er gewann. Nie war ein und derselbe Kopf zu zwei ganz entgegengesetzten Dingen, zum Gehorchen und z um Befehlen, geschickter. Darum hätte man schwer entscheiden können, ob er dem Feldherrn oder dem Heer lieber war: Hasdrubal einerseits wollte, wenn ein Unternehmen mit Mut und Entschlossenheit durchzuführen war, die Leitung keinem anderem anvertrauen, auch hatten andererseits die Soldaten unter keinem anderem Heerführer mehr Vertrauen oder Mut. Er zeigte, wenn es galt, Gefahren entgegenzugehen, Kühnheit im höchsten Grade, während der Gefahren selbst im höchsten Grade Besonnenheit. Durch keine Mühsal konnte sein Körper erschöpft, sein Mut gebrochen werden. Hitze und Kälte konnte er gleich gut ertragen; die Menge seiner Speisen und Getränke wurde vom natürlichen Bedürfnis, nicht von der Genußsucht bestimmt. Seine Zeiten für Wachen und Schlafen waren nicht nach Tag uns Nacht geschieden; was ihm die Geschäfte übrig ließen, gönnte er dem Schlaf, aber der wurde weder durch ein weiches Lager noch durch Stille herbeigerufen; im Gegenteil, viele haben ihn oft mit einem Soldatenmantel zugedeckt zwischen den Wachen und Posten der Soldaten auf dem Boden liegen sehen. Seine Kleidung hob sich von Seinesgleichen keineswegs ab; doch seine Waffen und Pferde fielen auf. Er war bei weitem der beste Soldat zu Pferde als auch zu Fuß. In das Gefecht ging er als erster, hatte es einmal begonnen, dann schied er als letzter. Diesen so großen Tugenden des Mannes hielten übergroße Fehler die Waage: eine unmenschliche Grausamkeit, eine mehr als punische Unredlichkeit; er hatte keinen Sinn für das, was wahr, keinen Sinn für das, was unantastbar ist; ihn band keine Gottesfurcht, kein Eid, keine fromme Gwissenhaftigkeit. So mit Tugenden und Fehlern bedacht, diente er drei Jahre unter Hasdrubals Oberbefehl, wobei er sich nichts entgehen ließ, was einer, der ein großer Feldherr werden wollte, tun oder sehen mußte.

Alpenübergang

35. Da sich die Barbaren am folgenden Tage schon nicht mehr so hitzig in die Lücke drängten, vereinigten sich die Truppen wieder und brachten den Paß nicht ohne Verluste, doch mit größerem Unglück bei den Lasttieren als bei den Menschen hinter sich. Von da an fielen die Bergbewohner nur noch in kleineren Gruppen und mehr nach R&aum;luber- als nach Kriegerart bald die Vorhut, bald die Nachhut an, je nachdem ihnen entweder das Gelände einen Vorteil bot, oder der Zug durch sein Fortrücken oder Zurückbleiben eine günstige Gelegenheit verschaffte. Die Elefanten wurden zwar nur mit großem Zeitverlust über die engen Wege weitergebracht, gewährten aber überfall, wohin sie stampften, dem Zuge Sicherheit vor den Feinden, weil diese, ihrer ungewohnt Furcht hatten, sich ihnen zu nähern.

Am neunten Tage erreichte man den Kamm der Alpen durch meist weglose Gegenden und mit manchem Irregehen. Dazu kam es entweder durch den Betrug der Führer, oder wo man diesen nicht traute, dadurch, daß man aufs gratewohl in Täler hineinzog, da man den Weg ja nur vermuten konnte.

Zwei Tage hatten sie auf dem Gebirgskamm ihr Standlager, und den von Beschwerden und Gefechten ermüdeten Soldaten wurde Ruhe gegönnt; auch fanden sich eine ganze Anzahl der bei den Steilwänden gestürzten Lasttiere dadurch, daß sie den Spuren des Zuges nachgingen, im Lager ein. Bis zur Erschöpfung so vieler Plagen überdrüssig bereitete ihnen - das Siebengestirn ging schon unter - obendrein ein Schneefall großen Schrecken. Als nach dem Aufbruch am frühen Morgen das Heer durch eine völlig verschneite Landschaft verdrossen einherzog und Unmut und Verzweiflung aus den Mienen aller sprach, da setzte sich Hannibal an die Spitze der Heeresabteilung, ließ die Soldaten auf einer vorspringenden Höhe, wo man weit und breit Aussicht hatte, Halt machen und zeigte ihnen Italien und die unterhalb der Alpenberge liegenden Ebenen am Po: "Sie übersteigen jetzt nicht nur die Mauern Italiens, sondern auch die der Hauptstadt Rom. Der Rest sei ebene, ja geneigte Bahn. Nach einem, höchsten zwei Treffen hätten sie Rom, die erste Festung und Hauptstadt Italiens, in ihrer Hand und Verfügungsgewalt!" Hierauf zog das Heer weiter, und jetzt versuchten nicht einmal die Feinde mehr etwas außer kleinen hinterlistigen Überfällen bei Gelegenheit. Aber der Weg war viel schwieriger als beim Aufsteig. Denn der größte Teil der Alpen ist auf italienischer Seite zwar weniger ausgedehnt, dafür aber um so steiler. fast der ganze Weg war abschüssig, eng und schlüpfrig, so daß sie sich weder vom Ausgleiten aufrecht halten, noch, wenn sie zu taumeln angefangen hatten, und gestürzt waren, an ihrrem Platz hängen bleiben konnten und so der eine über den anderen und die Zugtiere auf die Menschen stürzten.

36. Dann kam man zu einer noch viel schmäleren Felswand mit so steil abfall enden Steinmassen, daß kaum ein Soldat ohne Gepäck, wenn er tastend m it den Händen die ringsum herausragenden Zweige und Stämme packte, sich hinunterlassen konnte. Die Stalle, schon vorher von Natur steil, war kürzlich erts durch einen Erdrutsch bis zu einer Tiefe von beinahe 1000 Fuß zu einer schroffen Wand geworden. Als die Reiter dort gleichsam am Ende des Weges Halt gemacht hatten, wollte Hannibal wissen, was den Zug aufhielt, und es wurde ihm gemeldet, über die Felswand gäbe es keinen Weg. Darauf ritt er selbst los, um die Stelle zu besichtigen. Über alle Zweifel erhaben schien die Entscheidung, das Heer, allerdings in langem Umweg, durch wegloses Gelände, das vorher niemand betreten hatte, herumzuführen. Doch dieser Weg war nicht zu bewältigen. Denn da über der alten unversehrten Schneeschicht eine neue von mäßiger Höhe lag, fand der Fuß in ihr, weil sie weich und nicht sehr hoch war, beim Tritt keinen festen Halt, sobald sie aber durch das Einhergehen so vieler Menschen und Zugtiere zerfallen war, mußten sie über den nackten Firn darunter durch den wässrigen Matsch des zerrinnenden Schnees hinschreiten. Schrecklich kämpften sie sich dort ab, weil der Firn dem Tritt keinen Halt gab und den Fuß auf der abschüssigen Fläche allzu rasch ausgleiten ließ. Daher brachen sie, mochten sie nun Hände oder Knie beim Aufrichten zu Hilfe nehmen, wieder zusammen, weil auch ihre Stützen selbst ausrutschten. Da gab es auch keine Stämme oder Wurzeln in der Gegend, an denen mit der Hand oder dem Fuß sich jemand hätte hochstemmen können. So wälzten sie sich auf lauter glattem Firn und Schneematsch. Die Lasttiere zertraten bisweilen auch die unterste Schneedecke, da sie auf ihr liefern, und wenn sie dann gestürzt waren und beim Hochstemmen die Hufe mit größerer Wucht aufschlugen, brachen sie tief ein. Daher blieben die meisten wie in einer Fußfessel gefangen in dem harten und hoch aufgefrorenen Firn stecken.

37. Als sich die Zugtiere und Menschen vergeblich abgeschunden hatten, schlug man endlich auf dem Gebirgskamm ein Lager auf, wobei man nur mit großer Mühe den Platz zu eben diesem Zweck aufräumen konnte; soviel Schnee mußte man losgraben und wegbringen. Danach wurden die Soldaten zum Wegebau an die Steilwand geführt, über die allein der Weg möglich war. Da das Gestein gestein gebrochen werden mußte, so türmten sie die in der Nähe gefällten und gekappten ungeheuren Bäume zu einem gewaltigen Holzstoß auf; diesen setzten sie in Brand, da sich auch ein gewaltiger Wind erhoben hatte, der das Feuer richtig anfachen konnte, und machten das glühende Gestein durch darübergegossenen Essig mürbe. Den auf diese Art ausgebrannten Felsen sprengten sie mit Werkzeug auseinander und in mäßig fallenden Serpentinen schufen sie ein sanftes Gefälle, daß nicht allein die Packpferde, sondern auch die Elefanten hinabgeführt werden konnten. Vier Tage brachte man an diese Steilwand zu, nach denen die Lasttiere beinahe vor Hunger umgekommen waren; denn die Gipfel sind ungewöhnlich kahl, und haben sie etwas Futter, so decken es die Schneefälle zu. Weiter unten im Tal gibt es einige sonnige Hügel, Bäche an Wäldern und Gegenden, die schon eher Wert sind von Menschen bebaut zu werden. Hier schickte man die Lasttiere auf die Weide und gab den vom Wegebau ermüdeten Leuten eine Ruhepause. Drei Tage darauf ging es in die Ebene hinab, wobei die Gegend und ihre Bewohner schon milder waren.

38. Auf diese Weise im wesentlichen gelangten sie nach Italien, im fünften Monat seit ihrem Aufbruche von Neukarthago, wie einige meldeten, nachdem sie die Alpen in fünfzehn Tagen überschritten hatten.

Livius

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