Hannibal - Revisited

Radu Cretulescu

31.05.1995 - 10.06.1995

Eine Wandertour die unter Regen begann und auch so aufhörte.

Der Berg - wenn man da im Langenscheidt nachsehen würde, stünde daneben "eine Bodenerhebung die durch die verschiedenen Erdkrustenfaltungen oder... entstanden ist - männliches Substantiv", was weiß ich welchen Ursprungs. Es klingt flach, genauso wie Stuhl, Tisch, Hammer u. a. m., aber dieses Substantiv hat eine Eigenschaft, die es hervorhebt. Es erweckt im Sprecher oder Zuhörer (der einmal da war) Bilder, die einmalig in ihrer Intensität und ihrem Kontrast sind - Blumen, Fichten, schwarze Nächte, Sterne, Blitze, Wind, Steine, Alpenrosen, Schweiß, Atemnot, blauer Himmel, Morgentau, Feuer, Liebe, Tod, schwere Schuhe, Schnee, Seile, Freude, 8848 m, Ski, Kreuze, Karte, Freunde, Geborgenheit, Quellen, Enzian...

Natürlich kommt da die Frage auf: Weshalb tut man es? Die Einen würden sportlichen Ehrgeiz angeben, die anderen wegen der Ruhe u.s.w. Man könnte das alles zusammenfassen und sagen: weil sie da sind.

Wenn man da aus einem Land kommt, wo die höchste Spitze 2544,5 m hoch ist, und die Alpen betrachtet, die 3500 m und mehr einfach aus dem Boden wachsen, da wird es einem ziemlich mulmig. Man kann auch nicht sagen, daß die Alpen schöner sind als die Karpaten. Nein, man kann nur sagen: sie sind anders.

Eine Tour mit Expeditionscharakter will gut vorbereitet und geplant sein. Deshalb war ich ein bißchen verunsichert, als ich die Berge von Ausrüstung sah, welche mitkommen mußten. Ich muß auch gleich gestehen, daß wir nichts zu viel hatten.

Wie es so zu einer gut vorbereiteten Tour gehört, hat das Wetter natürlich nicht mitgehalten. Wir fuhren ziemlich verstimmt ins Wandergebiet. Von Heidelberg fuhren wir über Freiburg, Bern nach Martigny. Unser erstes Ziel war eine kurze Wanderung im Val d'Hérens zum Lac des Dix, einem Stausee, dessen Staumauer angeblich 200 m hoch sein soll. Von der Staumauer konnten wir leider nichts sehen, weil die Wolken uns von allen Seiten umgaben. Unser einziger Spaß war das Essen einer Schokolade, deren Aluminiumfolie nicht außen war, sondern sich komischerweise im Inneren der Schoki breitgemacht hatte. Es blieb uns nichts anderes übrig, als weiter unten in Euseigne einen Zeltplatz zu finden.

Da wir hier nichts mehr verloren hatten, fuhren wir, über den Col de la Forclaz nach Chamonix. Ein spitzer Stein, der auf dem Weg lag, hätte unserer Tour ein rasches Ende bereiten können, doch wir hatten noch einmal Glück und erreichten mit einer verbeulten Ölwanne das verregnete Chamonix. Den Mont Blanc konnten wir nur auf den Ansichtskarten bewundern. Es war nichts zu machen. Die Nordseite der Alpen wollte ihre Schönheiten nicht preisgeben.

Das einzige was wir noch tun konnten, war auf die Südseite zu fahren. Wie wir alle wissen, liegt dieser Teil der Alpen in Italien. Da ich leider kein Visum für Italien besaß, mußten wir es auf die Hannibal-Tour versuchen.

Von Bramans fuhren wir bis Suffet, und dann ging es richtig los. Endlich spielte auch das Wetter mit. Hannibal hatte einige Tausend Mann dabei (die Elefanten dazu) und konnte sich leisten, einige am Weg zu verlieren. Wir waren nur zu fünft und konnten uns das nicht leisten. (Die Elefanten hatten wir diesmal auch nicht dabei.) Anfangs schien es, als ob wir ein ziemlich leichtes Spiel hätten, aber als wir dann die 2000 m Grenze überschritten hatten, versteckte sich das Grün unter einer ziemlichen Neuschneedecke. Von Sonne und leichten Lawinen begleitet erreichten wir, über den Col du Pt. Mont Cenis nach ca. 7 Stunden den Col du Clapier (2485 m hoch). Weil die Schneeverhältnisse schwierig waren, verzichteten wir auf die Vaccarone-Hütte und stiegen sehr steil nach Italien ab. Die Südseite war grün und auf den Wiesen machten sich Krokusse und Enziane breit. Am Abend erreichten wir unseren Rastplatz. Auf einen schönen Tag folgte eine noch interessantere Nacht. Es hieß, unter freiem Himmel zu schlafen, weil ja unsere Zelte zusammen mit den Autos noch in Frankreich waren. Wir wärmten uns an einem kleinen Lagerfeuer und schliefen wie richtige Vertreter eines Hannibals auf dem Boden. Hier muß ich meine Bewunderung den zwei Neulingen aus der 10A2 Klasse (Fabian und Federico) aussprechen, die ohne zu murren die Strapazen des Wegs auf sich genommen haben. (Es blieb ihnen aber auch nichts anderes übrig.)

Das Erwachen war für einige weniger erfreulich. Die Sonne vom Vortag machte sich auf ihren Gesichtern ziemlich erschreckend bemerkbar. Diese waren gebrandmarkt für den Rest der Tour.

Die zwei Fahrer holten die Wagen aus Frankreich und wir fuhren von Susa über Bussoleno, wo wir übernachteten, ins Aosta Tal und bogen kurz vor der Einfahrt in den Mont Blanc-Tunnel ins Val Veny ein. Hier sollten wir einige Tage verbringen.

Unser erstes Ziel war die Monzino Hütte (2580 m). Wir mußten nun " an den Fels ", d.h. wir begaben uns diesmal auf Klettersteige. Ausgerüstet wie richtige Kletterer zogen wir los. Das Klettern kostete einige Mühe, doch es wurde problemlos geschafft. Interessanter wurde der Weg, als wir ein ziemlich senkrechtes Schneefeld überqueren mußten. Da ich gerade als erster ging und spuren mußte, war es mir doch nicht geheuer. Durch einige Zurufe von Herrn Michael Stimpel ("Ah, wie sollen wir umkehren!") brachten wir auch dieses Stück wohlbehalten hinter uns. Froh (einige auch grollend) erreichten wir die Hütte. Da begrüßte uns ein ziemlich schneidender Wind, der uns in den Winterraum der Hütte trieb.

Der Abstieg ging ein bißchen besser, und wir erreichten nach etwa einer Tour von 9&fract12; Stunden unser Camp.

Unser nächstes Ziel war der Miage-Gletscher. Auch dies sollte eine interessante Wanderung sein. Über Moränen steigend, erreichten wir den Gletscher - ein faszinierendes Erlebnis von Schnee, Eis und Stein. Um unser Vorbeikommen zu verewigen, bauten wir einen Steinmann nach all den mathematischen und stilistischen Regeln der Steinmannbaukunst. (Wenn man sich Mühe gibt kann man ihn wahrscheinlich auch von der IGH aus sehen.)

Der nächste Tag sollte wieder voll interessanter Erfahrungen werden. Nachdem die beiden Schüler endlich ihre Müdigkeit zugaben und einen Tag Pause forderten, gingen die Lehrer zur Borelli-Hütte los. Diese Hütte liegt auf kaum 2300 m, aber um sie zu erreichen, muß man etwa 500 m klettern. Das habe ich mir auch vorher überlegt, aber der innere Schweinehund wurde besiegt, und wir kletterten los. Die Wände die wir da erklimmen durften, erreichten fast immer die Senkrechte, ja manchmal überschritten sie diese sogar. Alles ging gut, bis der Weg um einen ziemlich bauchigen Felsen führte und als Fußstützen nur in den Fels eingeschossene Stifte vorweisen konnte. Das Problem waren nicht die Stifte selbst, sondern das, was unter ihnen lag, und da gab es erst wieder etwas 400 m tiefer. Diesmal war der Selbsterhaltungstrieb stärker, und ich kehrte um bis zu einem kleinen Plateau, wo ich auf die anderen meditierend gewartet habe. Nach drei Stunden sah ich frohen Gesichtern entgegen, und wir erreichten wohlauf den Zeltplatz. Zwar habe ich den Schülern nicht gesagt, daß ich nicht ganz oben war, aber falls sie diesen Pseudobericht lesen sollten, kann ich ihnen versichern, daß es vorkommt, daß auch erfahrenere Wanderer sagen: "es reicht - bis hierher und nicht weiter". Das wurde dann eigentlich auch unsere letzte Wanderung.

Als letztes fuhren dann mit der Seilbahn zur Punta Heilbronner auf 3500 m hinauf. Wie auch am Anfang unserer Expedition, umgaben uns hier die Wolken von allen Seiten und wir konnten weder die Aiguille du Midi noch den Mont Blanc sehen.

Um unsere Erfahrungen auch theoretisch zu untermauern, besuchten wir das Bergsteiger-Museum in Courmayeur und das Naturhistorische in Aosta.

Samstag den 10.06.1995 erreichten wir Heidelberg, nachdem wir insgesamt 1900 km mit dem Auto gefahren sind.

Die Hauptpersonen dieser Tour waren Herr Michael Stimpel und Herr Alex Schulz, die ihre Autos zur Verfügung gestellt hatten, Fabian und Federico aus der 10A2 Klasse und meine Wenigkeit, ein Lehrer aus dem ruhmreichen Vampirland Rumänien.

Unser Zeitplan

Mittwoch, 31.05.1995 Abf. Heidelberg 8.30 Uhr; Martigny; Val d'Herens; Lac des Dix; Euseigne - Camping
Donnerstag, 01.06.1995 Dix; Martigny; Col de la Forclaz; Chamonix; Albertville; Haute Maurienne; Modane; Camping Bramans
Freitag, 02.06.1995 Bramans; Suffet (Auto); Col du Pt. Mont Cenis; Col du Clapier (im Schnee); Abstieg nach Susa: Biwaknacht/Feuer
Samstag, 03.06.1995 Abstieg nach Susa; Autos holen; Camping Bussoleno: Pizza
Sonntag, 04.06.1995 Bussoleno; Rivoli; Ivera; Val d'Aosta; Bard: Kletterer; Châtillon; Brevil/Cervinia; zurück nach Châttillon; Val Veny - Camping
Montag, 05.06.1995 Monzino-Hütte
Dienstag, 06.06.1995 Glacier du Miage (mit Steinmann); Lac du Miage; Lac Combal
Mittwoch, 07.06.1995 Borelli-Hütte
Donnerstag, 08.06.1995 Courmayeur; Punta Heilbronna; Moseo Alpino + Stadtrundgang
Freitag, 09.06.1995 Val Veny; Courmayeur: Fotoausstellung [Lorenzino Cosson]; St Pierre: Naturhistorisches Museum; Aosta: Camping; abendlicher Stadtrundgang + Pizzaessen
Samstag, 10.06.1995 Aosta: Kapitelle und Dias vom Domschatz + Fresken; St. Lorenzo: Fundamente und Ausstellung; römisches Theater; Ausstellung - Dittatura; Abfahrt 13.00 Uhr; Ankunft in Heidelberg: 19.45 Uhr

Radu Cretulescu, am 19.06.1995

P.S. Zwar habe ich mit den beiden Schülern in einem Zelt geschlafen aber ich habe sie, obwohl ich aus dem Vampirland komme, nicht gebissen. Was hat mich eigentlich davon abgehalten ? Oder habe ich es nur nicht gemerkt ?

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