Aristoteles

Biographie

Aristoteles wird 384 oder 383 in Stagira in der thrakischen Provinz als Sohn gutbürgerlicher Eltern geboren. Sein Vater ist Leibarzt des Königs von Makedonien, Amyntas II. Er möchte das allzu provinzielle Thrakien verlassen und geht im Alter von siebzehn Jahren nach Athen, wo er auf den Rat eines Orakels hin sich der Philosophie widmet. Er lebt durch die Unterstützung seines Vaters materiell gutgestellt als Schüler Platons, an dessen Akademie er zwanzig Jahre lang bleibt und sich durch Fleiß und Intelligenz das Wohlwollen Platons sichert, und dennoch wird nicht er, sondern Platons Neffe Speusippos Leiter der Akademie nach Platons Tod.
Aristoteles wandert aus und wirkt an einem kleinasiatischen Fürstenhof, bis ihn 342 Philipp von Makedonien zur Erziehung seines dreizehnjährigen Sohnes Alexander, dem späteren Alexander der Große, an seinen Hof beruft.
Nach acht Jahren kehrt er zurück nach Athen und gründet seine eigene Schule, das Lykeion, wo er gemeinsam mit jungen Männern Philosophie betreibt und damit erstmals eine »organisierte Forschergemeinschaft« (Weischedel) bildet, die wegen der Angewohnheit, im Umhergehen zu philosophieren, »Peripatetiker« genannt werden.
323 stirbt Alexander der Große, was Athen zum Anlaß dient, sich von der makedonischen Fremdherrschaft zu emanzipieren. Scheinbare und tatsächlich Makedoniensympathisanten werden verfolgt, so auch Aristoteles – immerhin Erzieher des verhaßten Usurpators –, der damit Gefahr läuft, des Hochverrates bezichtigt zu werden. Als man im keinen Hochverrat nachweisen kann, bedient man sich des bequemen Vorwurfs der Gotteslästerei; Aristoteles geht ins Exil nach Chalkis auf Euböa, wo er 322 im Alter von 63 Jahren stirbt.

Charakter

Aristoteles wird als stets gelassen und ruhig, geschildert, aber dennoch als Mann von Welt: er schätzt gutes Leben; von seinem in einer Tonne lebenden Zeitgenossen Diogenes hält er nichts – zu einem guten Leben gehört für ihn nicht nur das sittlich Gute, sondern auch ein ausreichendes Teilhaben an weltlichen Gütern. Auf seine Erscheinung – von Natur aus eher unansehnlich (»schwach auf den Beinen«, »kleinäugig«, lispelnd) – legte er großen Wert. Er kleidet sich überaus gepflegt und pflegte auch seltsame Angewohnheiten, so beispielsweise seine besondere Methode, sich nicht vom Schlaf von der Arbeit abhalten zu lassen, bestehend aus einer in der Hand gehaltenen Eisenkugel, die, aus der Hand fallend, Lärm in einer Blechschüssel erzeugte und ihn so weckte.

Philosophie

Aristoteles beschäftigt sich mit Themen von Tierkunde über Astronomie, Staatswesen, Dichtkunst bis hin zur Rhetorik; sein Hauptthema jedoch ist das Handeln und Denken des Menschen und hier besonders die Ethik wie auch die Frage nach dem Wesen der Dinge. Diese Wesenssuche beschränkt sich nicht auf bloßes Theoretisieren im luftleeren Raum – für Aristoteles war die Philosophie noch eine allumfassende, praktische Wissenschaft.

Von der Zoologie …

Er stellt gemeinsam mit seinen Schülern zoologische Kompendien zusammen, die zwar vom wissenschaftlichen Standpunkt her lange überholt sind und noch viel Mythologie in sich bergen, aber als Vorarbeit für seine ethischen und teleologischen Studien sind sie wertvoll: von der Beschäftigung mit den Menschen ist es kein weiter Schritt zur Beschäftigung mit der Biologie des Menschen. Auch seine anatomischen Ideen sind veraltet, dennoch findet sich bereits hier ein grundlegender Teil seiner Philosophie wieder: er faßt den menschlichen Körper nicht als Summe seiner Einzelteile auf, sondern als Gesamtorganismus, der gerade und erst in seiner Gesamtheit den einzelnen Teilen erst Bedeutung verleiht.

… zur Teleologie …

Diese Vorüberlegung generalisiert Aristoteles: er interpretiert alles Existierende als Kosmos, als Ordnung, die bestimmt ist von ihrem inneren Ziel. Dieses innere Ziel ist die Triebfeder allen Seins: jedes Lebewesen trägt in sich selbst Ziel und Sinn und entwickelt sich daraufhin zu; Aristoteles bezeichnet dieses innewohnende Streben als Entelechie, als inhärente Ausrichtung auf ein telos, ein Ziel, hin.
Damit aber ist für Aristoteles auch ein wichtiger Schritt zur Erklärung des ganzen getan: der ganze Kosmos »arbeitet« auf ein Ziel hin, wird geradezu aus sich heraus zur Vollkommenheit gedrängt.
Hier setzt er wiederum einen Rückgriff an: vom Kosmos über die Lebewesen überhaupt betrachtet er auch den Menschen aus dem Blickwinkel der Teleologie, der Zielgerichtetheit auf die Vervollkommnung. Das Streben des Menschen ist das Streben nach dem Guten und der Glückseligkeit.

… zur Ethik …

Die Behauptung eines Strebens nach Gutem führt Aristoteles natürlich zu der Notwendigkeit, dieses Gute zu definieren und also zur Notwendigkeit, eine Ethik zu entwickeln. Die Frage nach der Natur des Guten und damit nach der Bestimmung des Menschen beantwortet er damit, daß der Mensch sein eigenes Wesen vollende.
Dieser Gedanke impliziert einen der christlichen Anthropologie des Mittelalters fremden Gedanken: die grundsätzliche sittliche Güte des Menschen, die er aus sich heraus entwickeln und vollenden muß im Gegensatz zum pessimistischen Menschenbild aus Verlorenheit und Erbsünde.
Nun stellt sich natürlich auch die Frage, wie es sich mit dem Menschen in bezug auf Tiere verhält. Was macht das Wesen des Menschen spezifisch menschlich und nicht tierisch? Aristoteles setzt als Unterschied zwischen Mensch und Tier die Vernunft, den Geist, abstrakt: den Logos. Darin sieht er auch den Grund für die Existenz des Menschen: das Untierische, Vernünftige auszuprägen und somit Vernunft als oberste Lebensmaxime zu sehen.
Diese Fixiertheit auf den Logos wirft wiederum Fragen nach dessen Beschaffenheit auf: der Mensch kann sich nur dem Logos widmen, wenn er auch dessen Wesen studiert. Logos bedeutet in der griechischen Gedankenwelt nicht nur Vernunft, sondern auch besonders »Erkennen«. Aristoteles sieht damit nicht im Handeln, in der Beherrschung die höchste Form menschlichen Seins, sondern im Erkennen, das daher im logischen Schluß auch das Handeln bestimmen muß und erst ein sittliches, über niedere Affekte erhabenes Handeln möglich macht.

… zur Kosmologie …

Aristoteles fragt weiter die philosophischste Frage: was ist der Urgrund? Woher kommt all diese zielgerichtete Bewegung? Die Antwort scheint klar: jemand, etwas muß alles in Gang gesetzt haben, muß der erste Beweger überhaupt sein. Nun ist es aber notwendig, daß dieser erste Beweger selbst unbewegt ist, da er sonst selbst einen Beweger benötigte und dieser wiederum und so ad nauseam weiter.
Naturgemäß ist ein solches Konstrukt schwer zu greifen; Aristoteles rollt also quasi das Problem von hinten auf und analysiert anhand dessen, wonach alles strebt, die Natur dieses unbewegten Bewegers. Da aber alles Bewegte nach Vollkommenheit strebt, muß der ideale Ruhezustand eben diese Vollkommenheit sein. Absolute Vollkommenheit ist ein Attribut des Göttlichen und damit das Göttliche nichts anderes als der unbewegte Beweger, auf den hin alles wirkt und strebt. Im Umkehrschluß: »Alles, was von Natur ist, trägt etwas Göttliches in sich.«

… zur Theologie

Dieses Göttliche freilich darf man keineswegs mit dem christlichen Gott verwechseln, auch wenn die christlichen Scholastiker sich auch auf Aristoteles bezogen haben. Sein Gottesbild ist in seiner Passivität, seinem Ziel-Sein nicht mit dem agierenden Schöpfergott vereinbar, und doch gibt es Gemeinsamkeiten gerade in seiner Eigenschaft als im Menschen ansatzweise vorhandenes Ziel: Gott als vollendeter Logos und damit den Menschen als sein – um in christlicher Terminologie zu sprechen – (wenn auch unvollkommenes) Ebenbild geschaffen.
Die Interpretation der Gottheit als vollkommenen Logos wirft eine weitere Frage auf: was betrachtet diese ungeheure Vernunft? Nichts anderes als sich selbst. Nur in der Selbstbetrachtung findet die Gottheit ein ihrem gewaltigen Logos gerechtwerdendes Sujet; alles andere würde die Gottheit einschränken oder entwerten, indem es eine Abhängigkeit von der Welt hervorriefe und damit die Gottheit nicht mehr letztes Ziel sein könne.
Aristoteles' Philosophie ist in ihrer Quintessenz also eine Theologie: alles geht von der Gottheit aus, alles strebt zu ihr, und die Gottheit allein kann letzter Maßstab sein für den Menschen und sein Verhalten und Streben.


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